Presse
25.01.08
Suite101

Lufthansa ist ein bisschen größer

Zwei junge Männer betreiben Deutschlands größte, private Luftflotte


Florian Helmers und Alexander Lipsky kommen von ganz unten.
Vom Schleppseil-Einfangen beim Segelfliegen. Heute haben sie nur noch ein Problem: den Erfolg

 

 

Achtung! Unbedingt festhalten, Kapitän Lipsky gedenkt zu starten!" Floris Helmers ist an diesem Morgen wie beinahe immer gut gelaunt. Er sitzt in der alten blauen Cessna rechts neben seinem ebenfalls 34jährigen Geschäftspartner. Der Pilot als Fluggast. 11 Uhr, Spätsommer, Sonnenschein. Im Bauch eine sportliche Schokolade und zwei Apfelsaftschorlen, die beide eben noch im Flughafen-Zelt zu sich nahmen. Das Thema Frühstück ist damit abgehakt. Lipsky und Helmers, Unternehmer, Flugbegeisterte, Abenteurer und Spaßmacher, haben eine solche Lust am Fliegen - das ist schnell zu spüren -, dass selbst eine Platzrunde für den Fotografen zum Erlebnis wird. Es geht nur darum, sie in Schräglage abzulichten, mit den Wäldern und Äckern in der schiefen Horizontalen, sozusagen als Beweis, dass man mit ihnen auch wirklich oben war. „Zu viel Gegenlicht!" ruft der Mann am Auslöser. Was er nicht hätte tun sollen.

 

Absturz wegen Rekordjagd

Lipsky lässt keine Sekunde verstreichen. „Gut, dann andersherum." Links ist überschnell da, wo eben noch rechts war. Upps! Die böigen Winde packen die Maschine, lassen sie etwas steigen, ein wenig fallen. Für Kapitän Lipsky ein Lacher. Der hat mit seinem Kompagnon Helmers schon ganz andere Sachen erlebt. Mit einem relativ glimpflich verlaufenden Absturz aus 3.000 Meter Höhe in ein spanisches Bergtal kann das Duo beispielsweise dienen. Aber zudem auch damit, dass ihr Rekord, innerhalb von 40 Tagen 30.000 Flugkilometer zurück gelegt zu haben, noch Bestand hat. Im Guinness-Buch. Sie erreichten in dieser Zeit 27 Länder auf drei Kontinenten. Mit 23 Jahren waren sie und ein Mitstreiter, der heute für „Hamburg International" Urlauber nach Mallorca bringt, 1994 die jüngste Crew, die das vollbrachte. Das sorgte für Zeitungsartikel, Talkshows, Radiointerviews und für immer mehr Aufträge. Heute gehört ihnen mit 14 Flugzeugen die größte subventionsfrei betriebene Privatflotte Deutschlands.

 

Mit Pickeln begann es

Und sie hatten Pickel, als Alles begann. Mit 13 Jahren fuhren sie Autos über einen kleinen Segelflugplatz bei Hamburg und sammelten Schleppseile wieder ein. Sie waren Segelflugschüler und lernten schnell. Alexander Lipsky: „Während andere nicht mal mit dem Mofa fahren durften, waren wir mit 14 Jahren Alleinflug-berechtigt. Das war schon ein klasse Gefühl." Dann ging alles ganz schnell. Segelflugschein mit 17, Sportflugzeugschein mit 18 Jahren. Die Herren der Lüfte sind übrigens keine „Söhne". Dass sie inzwischen beinahe alles bewegen dürfen, was sich am Himmel tummelt - Ultraleicht, Einmotorige, Zweimotorige, Motorsegler, Segelflugzeuge, Kunstflugmaschinen und Jets - haben sie allein ihrem Enthusiasmus zu verdanken. „Wir wussten schon mit 15 Jahren, was wir wollten: eben nur fliegen. Unsere Väter haben uns den Segelflugschein bezahlt. Aber nicht mehr", sagt „Alex" Lipsky. Das Abi haben sie natürlich mitgenommen. Wegen der Notwendigkeit.

 

Die Luftbildfotografie legte den Grundstein

Aber dann wollten sie schnell zurück in die Sphäre, die sie lieben: in die Luft. Das tragende Element brachte ihnen erste Jobs. Es kamen wegen der günstig angebotenen Jungunternehmer-Tarife Luftbildfotografen, die von den beiden abwechselnd durch die Lüfte kutschiert wurden. Immer mit Charter-Material. Bis sie nach kurzer Zeit überlegten, das Geschäft anders zu betreiben. Floris Helmers: „Ich flog und Alex machte die Luftbilder. Das lief sehr gut." Ergebnis: 1998, nach zwei Jahren Knipserei, war das erste eigene Flugzeug drin: eine 25 Jahre alte Cessna 150. 25.000 Mark bezahlten sie, überführten das alte Gerät von Nürnberg nach Uetersen, einer Kleinstadt in der nördlichen Nähe Hamburgs, auf den dortigen Rasen-Flugplatz und legten damit den Grundstein für ihr heutiges Flugmuster-Sammelsorium. 14 Maschinen nennen sie ihr Eigen. Zwei-, Drei-, Sechs- und Zehnsitzige. Wert: 1,2 Millionen Euro. Und mit der Großen, einer zweimotorigen Britten Norman Islander fliegt AIR HAMBURG neuerdings auch Linie - nach Sylt, Helgoland, Juist, Föhr und Rügen. Einweg für 149 Euro. Es läuft gut an. Alexander Lipsky: „Im Schnitt haben wir 40 Fluggäste täglich." Und Kumpel Helmers, der auf seine 19jährige Freundschaft mit Lipsky stolz sein kann, scherzt: „Die Lufthansa ist ein bisschen größer, aber wir arbeiten daran.“ Kerngeschäft: die Pennäler

Geschäftskunden können bei AIR HAMBURG Tickets für High-Tech-Transporte zu beinahe allen Zielen in Europa buchen. Dann aber von Hamburg-Fuhlsbüttel aus, wo der zweistrahlige Jet steht, den Lipsky und Helmers dank einer Kooperation mit einer anderen Airline nach Bedarf pilotieren. Das Kerngeschäft bilden allerdings immer noch die Pennäler - die Schulung von Nachwuchs-Piloten. Rund 70 Eleven entlassen sie und ihre zwölf Mitarbeiter - sämtlich Berufspiloten - jährlich in die fliegerische Freiheit. Unter dem Firmennamen „FLUGSCHULE HAMBURG". Lipsky und Helmers, jeder blickt auf 5.000 Flugstunden Erfahrung zurück - Lufthansa-Kollegen steigen mit 300 Stunden ein! -, haben neben Blicken in Maschinengewehrmündungen, pöbelnden Zollbeamten und einer Beinahe-Verhaftung wegen angeblichen Alkoholschmuggels auf ihren beiden Rekordflügen häufig zittern müssen. Auch wegen finanzieller Engpässe. Sie konnten sich zwar mit einem alten russischen Kampfjet, mit dem sie über Flugshows tingelten, einige Fuß über Wasser halten, oder als Bannerflieger. Aber es waren schwierige Zeiten, in denen die Fluglust das wirtschaftliche Risiko letztendlich verdrängte.

 

Fliegen wird nie langweilig

Erst die Gründung der „FLUGSCHULE HAMBURG" brachte vor sechs Jahren den Erfolg und etwas mehr Ruhe in das abenteuerliche Leben der Freunde Helmers und Lipsky, die sich nunmehr seit 20 Jahren durch die Lüfte bewegen. Wird das nicht langweilig? „Überhaupt nicht", grinst Alex Lipsky, „es sind die unterschiedlichen Anforderungen, das wechselnde Wetter und die verschiedenen Flugzeuge - wir fliegen ja auch Jets und weite Strecken. Aber selbst das hiesige Terrain, auf dem wir jeden Bauernhof kennen, wird uns nicht über. Hauptsache fliegen!"

Und Floris Helmers, der im Catering-Zelt auf dem Flugplatz in Uetersen nochmal in eine Tafel Schokolade beißt, beantwortet die Frage nach der Langeweile auf seine Art. „Woll'n wir los?", fragt er Lipsky mampfend.

Es geht nach Sylt. Ohne Fluggast. Nur so zum Spaß.